• 16-NOV-2017

Technik im Ohr, Technik im Job

Überprüfung der Landeklappen auf Strukturschäden

Tests im Cockpit trotz Schwerhörigkeit? Lufthansa-Technik-Mitarbeiter Michael Kalinowsky hat für seine körperliche Einschränkung die optimale Lösung gefunden

Nach fast 32 Jahren im Beruf wacht Michael Kalinowsky morgens meistens automatisch zur richtigen Zeit auf. Wenn die innere Uhr nicht funktioniert, weckt ihn seine Frau. Kalinowsky ist auf beiden Ohren taub. Tagsüber trägt er die magnetischen Sendespulen links und rechts am Kopf, die Geräusche über seine Implantate ins Innenohr tragen. Weil er sie nachts abnehmen muss, kann er den Wecker in der Früh nicht hören.

Kalinowsky arbeitet als Product Engineer bei der Lufthansa Technik im Team „Langstrecke“ und ist zuständig für lädierte Flugzeuge auf der ganzen Welt. Sein Spezialgebiet sind Schäden an der Struktur: Wenn eine Maschine von Blitzeinschlägen Brandstellen, Dellen oder vielleicht sogar Löcher davongetragen hat, muss er einschätzen, ob sie noch flugtauglich ist. „Wir sind hier die Feuerwehr“, erklärt er. Tritt auf dem Vorfeld an einem Flugzeug ein Defekt auf, eilen Kalinowsky und seine Kollegen nach draußen. Er gibt Anweisungen für die Reparatur oder notwendige Kontrollen vor Ort. Im Einzelfall werden sogenannte Flight Conditions definiert und nach Genehmigung durch das Luftfahrtbundesamt ein Überführungsflug zur nach Hause durchgeführt, damit er und seine Kollegen das Gerät in der heimischen Halle wieder in Schuss bringen können.

Seine Taubheit beeinträchtigt ihn dank der Implantate bei seiner täglichen Arbeit nicht mehr. Manchmal fragen Kollegen neugierig, er antwortet gerne. Seit 2014 führt er sogar wieder Prüfflüge auf der ganzen Welt durch, bei denen er die Maschinen nach einem längeren Check auf Herz und Nieren testet. Noch vor ein paar Jahren hat Kalinowsky diese Aufgabe Schwierigkeiten bereitet, auf Grund derer er diese Tätigkeit dann irgendwann nicht mehr ausüben konnte.

Mit dem Hören hatte er aufgrund einer Durchblutungsstörung seit dem Studium Schwierigkeiten. Beruflicher und privater Stress haben die Situation noch verschlimmert. Er hat versucht, das Problem zu ignorieren, und ist im Nachhinein erstaunt, wie er anhand vereinzelter Schlüsselwörter in Telefonaten und Konferenzen einen Zusammenhang herstellen konnte. Nach einer schweren Infektion war Kalinowsky dann auf beiden Ohren taub. „Nach einigen unangenehmen Missverständnissen habe ich lieber gar nichts mehr gesagt“, erinnert sich Michael Kalinwosky.

Seine HNO-Ärztin hat ihm daraufhin die Schwerhörigen-Sprechstunde am Universitätsklinikum Frankfurt empfohlen, wo er zum ersten Mal über Cochlea-Implantate informiert worden ist. In einer dreistündigen Operation wurden ihm Elektroden in das Innenohr implantiert, welche die Hörnerven stimulieren. Diese leiten die Signalimpulse an das Gehirn weiter, wo die Hörwahrnehmung entsteht. Bei ihm hat das so gut funktioniert, dass er auf dem Heimweg vom Krankenhaus, zwei Stunden nach der Ersteinstellung, die U-Bahn-Durchsage bereits verstehen konnte.

Kalinowsky rät allen Betroffenen, sich ihrem Problem zu stellen und so früh wie möglich etwas dagegen zu unternehmen, denn ein schlechtes Gehör kann sich stark auf das berufliche und soziale Leben auswirken. „Ich hatte mich aus meinem Freundeskreis zurückgezogen. In lauten Bars konnte ich eh keine Unterhaltung verfolgen und nach einigen unangenehmen Missverständnissen habe ich lieber nichts mehr gesagt.“ Einige Ärzte wissen nicht, wie viel ein Implantat vom „alten Leben“ zurückholen kann. Deshalb ist es empfehlenswert, sich in offenen Sprechstunden oder Selbsthilfegruppen zusätzlich zu informieren. Und am besten redet man mit seinen Kollegen offen darüber. „Es hilft einem Schwerhörigen sehr, wenn ein Kollege an den Tisch kommt und ihn beim Reden ansieht, damit er unterstützend von den Lippen ablesen kann“, so Kalinowsky. Heute hat er eine Mission: Er will dabei helfen, das Implantat zu verbessern und Akzeptanz für Schwerhörige zu schaffen.

Endlich wieder hören

Um anderen Schwerhörigen zu zeigen, was man trotz Taubheit alles machen kann, hat Kalinowsky Implantatträger aus verschiedenen Altersklassen und ihre Familien am 20. Oktober zu sich an seinen Arbeitsplatz eingeladen.

Unterstützt hat ihn Pascal Kheribich: Dieses Jahr hat er seine Ausbildung zum Fluggeräteelektroniker bei der Lufthansa Technik in Frankfurt begonnen. Kheribich ist taub zur Welt gekommen, aber seine Eltern haben dafür gekämpft, dass er bereits mit drei Monaten ein Implantat erhalten hat. Sie haben viel mit ihm trainiert, wodurch sein Sprachgewinn kaum eingeschränkt war.

Kheribichs Chancen auf einen Ausbildungsplatz waren nicht gerade gut: „Ich habe es einfach versucht, Atteste geliefert und die Ärztin bei der Eignungsprüfung irgendwann überzeugt“, erzählt er den Botschaftern. Er hat Spaß an seiner Arbeit und keine Schwierigkeiten mit dem Hören – nur in der Lehrwerkstatt und in der Kantine wird es manchmal etwas laut, aber damit kämpft wahrscheinlich nicht bloß er.

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