• 12-JUL-2017

Digitalisiertes Vertrauen

Carsten Bohle

Dr. Carsten Böhle von Lufthansa Industry Solutions erklärt was sich hinter Blockchains und Bitcoins verbirgt

Während man sich vor einigen Monaten mit seinem bestenfalls Halbwissen noch zurücklehnen und den technologischen Fortschritt abwarten konnte, muss man sich diesem Thema nun stellen. Blockchain ist der technologische Hype. Dumm nur, wenn man auch mehrere Fachartikel später nicht vollumfänglich versteht, was genau es damit auf sich hat. Der Autor Maik Klotz spricht in seinem Artikel „Gar kein Mysterium. Blockchain verständlich erklärt“ auf www.it-finanzmagazin.de​​ mit seinen Worten sicher dem ein oder anderen aus der Seele: „Blockchain – ein Begriff so sperrig wie ein Wohnzimmerschrank und so zäh wie Kaugummi. Es gibt viele Definitionen, Artikel, Erklärvideos über Blockchain, aber viele davon sind nur eine Aneinanderreihung von Buzzwords. Ein Fremdwort wird mit Fremdwörtern erklärt, hilft nicht wirklich.“ Auch bei Lufthansa gibt es immer mehr IT-Experten für diesen Bereich. So zum Beispiel auch Dr. Carsten Böhle von Lufthansa Industry Solutions. Vielleicht kann er Lichts ins Dunkle bringen.

Worum es geht 

Herr Dr. Böhle, was ist eine Blockchain?

Eine Blockchain ist im Grunde eine dezentrale Datenbank, in der Einträge unwiderruflich und unveränderbar gespeichert werden können. Sie ermöglicht Datenspeicherung – also Transaktionen wie eine Geldüberweisung – die auch anonym durchgeführt werden kann, zum Beispiel mit Bitcoins, das ist die bekannteste der auf Blockchain basierenden Kryptowährungen. Zu diesem Zweck haben Millionen von Menschen bereits bewusst oder unbewusst eine Blockchain benutzt. Die Blockchain erlaubt es auch, komplette Programme, sogenannte Smart Contracts, vertrauenswürdig auszuführen. Diese finden nicht auf dem eigenen Rechner statt, aber es ist sichergestellt, dass der Programmcode auch von anderen Rechnern exakt befolgt wird. In letzter Konsequenz kann man damit Abläufe automatisieren, die heute einen unabhängigen und vertrauensvollen Dritten, zum Beispiel ein Geldinstitut, benötigen.

Kann ich als Privatperson auch mit Bitcoins bezahlen? Und wenn ja was?

Nachdem Bitcoins zunächst im Darknet beliebt waren, gibt es mittlerweile viele größere und kleinere Unternehmen, die Bitcoins akzeptieren. Für größere Unternehmen ist das oft ein Experiment, andere unterstützen Bitcoin auch aus Überzeugung. Aktuell wird viel mit Bitcoins spekuliert, also ist auch etwas Vorsicht angebracht.

Also stehen Bitcoins und Blockchain nicht in direktem Zusammenhang. Warum werden sie so oft im selben Atemzug genannt?

Bitcoin, also die bekannteste Kryptowährung, basiert auf einer Blockchain. Es gibt neben der Bitcoin-Blockchain aber weitere, auch private Blockchains und unzählige weitere Kryptowährungen. Obwohl die grundsätzliche Idee zu Blockchains schon älter ist, hat sie erst den Durchbruch geschafft, als 2008 das Konzept zu Bitcoins vorgestellt wurde.

Was die Zukunft bringt

Welche Einsatzmöglichkeiten sehen Sie außerhalb der Finanzbrache?

Im Kern erlaubt Blockchain die Ablösung eines vertrauensvollen Dritten. Bei den Anwendungsfällen handelt es sich daher im Prinzip um die Digitalisierung von Vertrauen. Etablierte Technologiekonzerne ebenso wie Start-Ups bemühen sich in dieser Hinsicht um schlüssige Szenarien. In der Logistik ist die Nachverfolgung wertvoller Güter ein möglicher Anwendungsfall und wird für Diamanten auch bereits getestet. Auch der Lebenslauf eines Flugzeugbauteils oder der Zustand von Luftfracht könnte auf eine Blockchain abgebildet werden. Weitere Anwendungsfälle betreffen Dokumente. Gerade bei Frachtdokumenten könnte dies Prozesse vereinfachen, weil heute häufig noch Originaldokumente in vielfacher Ausfertigung mitgeführt werden müssen. Außerdem ist die Blockchain gut geeignet, wenn mehrere Partner zusammenarbeiten. Hier hat die Blockchain das Potenzial, zentrale Plattformen abzulösen und organisationsübergreifende, vertrauenswürdige Workflows zu ermöglichen. Ein Beispiel ist die gegenseitige Verrechnung von Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen Unternehmen, also das Clearing. 

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Wir haben vermutlich gerade den Gipfel des Hypes passiert. Die erste Begeisterung hat sich gelegt und langsam zeichnen sich konkrete Einsatzszenarien ab. So richtig kann man aktuell aber noch nicht beurteilen, ob Blockchain eine spezielle Nischenlösung bleibt oder ob sie über Bitcoin hinaus eine breitere Anwendung finden wird. Ich glaube, dass wir existierende Prozesse nicht eins-zu-eins übertragen dürfen, sondern erst neue Prozesse das Potenzial der Technologie ausnutzen können. Und spannend wird die Kombination mit weiteren kryptographischen Konzepten: Secure Multiparty Computation könnte ein Kandidat sein, der neue Arten der Zusammenarbeit erlaubt. Hierbei wird mit verschlüsselten Werten gerechnet, sodass es beispielsweise möglich ist, das günstigste Angebot zu ermitteln, ohne dass die Anbieter ihre Preise offenlegen müssen.

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Hier die Vorteile noch einmal auf einen Blick:

  • Eine Infrastruktur statt zahllose Plattformen
  • Schaffen Transparenz, Konsens
  • Unveränderlichkeit historischer Daten
  • Sichtbarkeit in Echtzeit für alle Akteure
  • Prozess- und organisations-übergreifendes Tracking
  • Erschweren von Betrug und Manipulation