• 10-JUL-2018

Die fliegenden Mädchen von Tempelhof

Flugbegleiterin

1938 begeisterte Deutschland ein neuer Beruf: Flugbegleiterin. Doch wie entstand dieser neue Berufszweig und wie gestaltete sich die Ausbildung in den Anfängen der Verkehrsfliegerei?

Im Jahr 1933 wurde in den Leipziger Neuesten Nachrichten per Anzeige ein neuer Beruf vorgestellt: „Wenn Sie, verehrte Leserin, nicht schwerer sind als 57 Kilogramm – ein Reiseköfferchen eingerechnet, wenn Sie Mut, starke Nerven und eine unwandelbare gute Laune haben, wenn Sie eine Persönlichkeit sind, wenn Sie den Aufenthalt in der Luft gut vertragen wie eine Möwe, wenn Sie das Unvorhergesehene nicht fürchten, entschlossen und tapfer sind – dann weiß ich einen neuen, ja den allerneuesten Traumberuf für Sie: werden Sie Gesellschaftsdame an Bord von einem Verkehrsflugzeug (…)“. 

Bereits seit Mai 1928 tat Arthur Hove als Steward seinen Dienst in den Großraumflugzeugen der Luft Hansa und versorgte die Passagiere mit Essen und Getränken. Zwei Jahre später flog in Amerika die erste weibliche Stewardess, 1934 folgte ihr bei der Swissair die erste Flugbegleiterin in Europa. Bei der Deutschen Lufthansa dauerte es noch weitere vier Jahre bis 1938 die ersten fünf Flugbegleiterinnen und vier Flugbegleiter neben Arthur Hove an Bord gingen. 

Hohe Anforderungen wurden an die fliegenden Mädchen von Tempelhof gestellt: neben einer guten Schulbildung legte die Luft Hansa, wie ihr damaliger Verkehrsleiter Hans M. Bongers in einem Interview mitteilt, Wert auf Charakterfestigkeit, ungekünstelte Liebenswürdigkeit, umfassende Sprachkenntnisse, Welterfahrenheit, Gewandtheit und Beherrschtheit in jeder Situation. Dazu lernten die Auserwählten in einer vierwöchigen Ausbildung: Verkehrsgeographie, Wetterkunde, Navigation, Zoll- und Devisenbestimmung, Flugtarife, Sicherheitseinrichtungen und Sanitätsdienst. Der praktische Teil umfasste das Anrichten und Servieren der Speisen, die Konversation in Fremdsprachen und Teilnahme an einem Kunstflug, bei dem der Pilot in Anwesenheit der mutigen Damen zeigen durfte, was er mit dem Flugzeug alles anstellen konnte. Nach erfolgreichem Ausbildungsabschluss konnten sie ihre Aufgabe vollständig erfüllen: Auch die ängstlichsten Passagiere fühlten sich dann bei Ihnen an Bord wie zu Hause.

Der neue Service kam bei den Passagieren sehr gut an und so konnten bereits 1941 zwei Flugbegleiterinnen, Emanuela von Roretz und Hilde Soldin, als erste Halbmillionärinnen der Luft(kilometer) gefeiert werden. Zum Vergleich: die ersten Flugkapitäne hatten in der Anfangszeit der Luft Hansa dafür im Schnitt sieben bis acht Jahre benötigt. Leider erreichte keine Flugbegleiterin der Luft Hansa die Millionen Flugkilometer-Marke. Ab 1942 wurden alle Flugbegleiter auf Grund des Krieges in den Bodendienst versetzt. Erst ab 1955 konnten Passagiere wieder den ausgezeichneten Service der „Gesellschaftsdamen in einem Verkehrsflugzeug“ genießen.