• 17-OCT-2017

„Ich will das Fliegen ganz verstehen“

Cordes Cockpit TanteJu

A380-Kapitän Claus Cordes fliegt alles, was Flügel hat

 „Am Freitagmorgen soll ich wieder nach Frankfurt kommen“, notiert Claus Cordes am 1. März 2017 im Hong Kong Harbour View, dem Crew-Hotel der Lufthansa in der südchinesischen Metropole, in sein persönliches Logbuch, „der Tag ist dann erledigt, denn so ein 12-Stunden-Nachtflug hinterlässt natürlich Spuren. Sonnabend ist Werkstattarbeit am Discus fällig, aber Sonntag habe ich Zeit. Was sagen die Vorhersagen?“

Die Wetterfrösche meinen es gut mit Claus Cordes: Regen im Weserbergland wohl erst gegen Sonntagabend, aber eng beieinander liegende Isobaren, die kräftigen Südwestwind versprechen. Also schreibt Claus Cordes aus Hong Kong eine Mail an seine Segelfliegerkameraden in Lübeck: „Wer will am Sonntag mit nach Porta Westfalica zum Hangfliegen?“ Jakob und Simon, die den ganzen Winter über nicht mehr in der Luft waren, wollen. Sie heben am Sonntag nacheinander mit Cordes in dessen „Bergfalke II“, Baujahr 1958, ab, kommen auf insgesamt 400 Kilometer Flugstrecke zwischen Wiehengebirge und Ith. Am Abend hält Claus Cordes zufrieden in seinem Bordbuch fest: 4 Stunden, 13 Minuten. Ein ziemlich perfekter Tag im Leben eines Segelfliegers.

Nicht weniger als Perfektion ist das, wonach der passionierte Flieger Claus Cordes (57) seit Jahrzehnten strebt. „Ich will das Fliegen ganz verstehen“, sagt der A380-Kapitän und fügt bescheiden an: „ich hab’s noch nicht ganz – aber ich denke, ich bin schon ein gutes Stück vorangekommen.“ 

Eine anfangs ärgerliche Wartezeit wurde für den Lübecker, in der Rückschau betrachtet, zum Segen: Nach der Ausbildung an der Lufthansa Fliegerschule in Bremen Anfang der achtziger Jahre musste er sich ein Jahr gedulden, bis er – zuerst mit der B737 – auf Strecke gehen konnte. Cordes nutzte die Zeit perfekt, tauchte bei einem Praktikum bei der Lufthansa Technik in Hamburg tief ins technische Innenleben der Flugzeuge ein, die er später fliegen würde, begann zudem ein Ingenieurstudium, Fachrichtung Flugzeugbau.

„Segelflug ist reine Faszination“  

Und er flog, wo immer sich die Gelegenheit bot. Verdiente sich was dazu mit Inselrundflügen auf Föhr. Und entdeckte im heimatlichen Fliegerclub in Lübeck: „Segelflug ist reine Faszination!“ Während ihn bei der Lufthansa seine ganz normale Pilotenkarriere in die Cockpits der A310, der A320, der MD 11 der Lufthansa Cargo und schließlich, 2013, der A380 beförderte, wurde sein fliegerisches Leben „nebenher“ von Jahr zu Jahr bunter.

Claus Cordes sammelt seit Jahrzehnten Flugzeugmuster, wie andere Leute wertvolle Armbanduhren oder Gemälde. „Ich habe bislang 87 verschiedene Flugzeugtypen geflogen“, lautet seine stolze Zwischenbilanz. Weil er irgendwann die Testpiloten-Lizenz 2. Klasse und die Einweisungsberechtigung für einmotorige Flugzeuge bis zwei Tonnen Gewicht erworben hat, stellt er gelegentlich sein Können in den Dienst des Deutschen Technikmuseums in Berlin und fliegt altertümliche Maschinen aus aller Welt in die Hauptstadt. Auch wenn es bisweilen nur Trümmerteile sind: 2006 überredete Cordes seinen damaligen Arbeitgeber Lufthansa Cargo, den Transport der Wrackteile einer 1933 im kanadischen British Columbia abgestürzten Junkers F13 nach Deutschland zu sponsern: „Es war mir eine Herzensangelegenheit, die ‚Oma der Tante Ju‘ zurückzuholen.“ Selbstverständlich steuerte Cordes persönlich die MD11 mit der arg zerbeulten, aber historisch wertvollen Fracht, die längst einen Ehrenplatz im DTM in Berlin gefunden hat. 

Kerosin in den Adern

Zum fliegerischen Team der Ju52 gehört Claus Cordes schon seit 1988, seit 1997 auch als Pilotentrainer. Im vergangenen Juni – zwischen zwei A380-Einsätzen nach Los Angeles und Delhi – flog er in heimischen schleswig-holsteinischen Gefilden etliche Rundflüge über den Besuchermassen der Kieler Woche. Dass die Einsätze in der „Tante Ju“ zu seinen besonderen fliegerischen Highlights zählen, versteht sich von selbst; aber dass er mit der Ju52 nicht nur ein Flugzeug, sondern auch ein anerkanntes „bewegliches Denkmal“ pilotiert, ist für den Norddeutschen mit einer gehörigen Portion Kerosin in den Adern nicht besonders beeindruckend.

Claus Cordes ist vermutlich der einzige Mensch, der gleich zwei als „fliegende Denkmale“ anerkannte Fluggeräte sein Eigen nennt und selbst fliegt: Zum Einen seinen „Stieglitz“ genannten Focke Wulf-Doppeldecker, Baujahr 1936, mit dem er so oft wie möglich von der Graspiste des Flugplatzes „Hungriger Wolf“ bei Itzehoe zu Kunstflügen der – für Laien – waghalsigeren Art abhebt. Und zwar mit einer solch atemberaubenden Perfektion, dass er dafür 2016 zum Oldtimer-Kunstflug-Weltmeister gekürt wurde. In diesem Jahr – und das wurmt ihn ein bißchen – reichte es „nur“ zur Silbermedaille.

Auch Cordes‘ „Bergfalke“ wurde kürzlich von der Stadt Lübeck mit dem Status eines „beweglichen Denkmals“ geehrt. Nummer 3 im privaten Flugzeug-Park des A380-Kapitäns ist ein „Discus“ genannter pfeilschneller Leistungssegelflieger, dessen rasante Flugeigenschaften bei einem kürzlichen Wettbewerb Cordes restlos begeisterten: „Am meisten beeindruckt hat mich die Tatsache, daß man auch nach über 25.000 Flugstunden noch mit dem Gefühl umherfliegen kann, ein völliger Neuling zu sein. Das Lernen hört eben nie auf.“ Zu Weihnachten schenkt sich Claus Cordes sein privates Flugzeug Nr. 4: Ein 1956 gebautes Segelflugzeug vom Typ Schleicher Ka6 mit offener Haube wurde ihm kürzlich so günstig angeboten, „daß ich nicht nein sagen konnte“. Das ist dann Fliegen wie „Anno Dunnemals“, mit nichts als einer kleinen Windschutzscheibe vor der Nase.

Bleibt nur eine Frage an den umtriebigen Flugkapitän, der ganz nebenbei auch noch Vorlesungen hält als begehrter Gastdozent an diversen Hochschulen in Hamburg, Berlin oder auch mal in Taschkent: Was, lieber Claus Cordes, sagt eigentlich Ihre Frau dazu, dass Sie auch an Ihren freien Tagen fast ständig mit irgendeinem Fluggerät – mit oder ohne Motor - in der Luft sind? Der Kapitän schmunzelt: „Ach, meine Astrid sagt immer: ‚Ich hab ja gewußt, dass ich einen Spinner heirate.‘ Und das war immerhin vor 34 Jahren.“

Na dann, Flieger, grüß mir die Sonne…!